↑UP

Carte

blanche

Eckhard

Schulze-Fielitz

STADTSYSTEME - URBAN DENSITY

Panel #11

Wednesday,  May 22, 2014

Architekturklub – Architekturwoche A6

 

Statement

Manifest Raumstadt, 1960 (Auszug)
Eckhard Schulze-Fielitz

Vielgeschossige bewohnte Raumtragwerke überbrücken große Spannweiten durch ihre große statische Höhe. In den Zentren der Verdichtung löst sich die Stadt vom Boden, ihn den mechanischen Verkehr überlassend. Durch die Möglichkeit der größeren Verdichtung, durch die Überbauung von Verkehrsflächen und Wasserläufen, durch die Freihaltung ganzer Ebenen für den fließenden oder ruhenden Verkehr, durch die rigorose Trennung der Verkehrsarten ist eine Lösung der Zirkulationsprobleme in den Ballungszentren möglich. Dem Verkehr und seiner unabsehbaren Entwicklung stellen sich möglichst wenig Hindernisse in den Weg, damit die Mehrzahl der heutigen Probleme von vornherein vermeidend. Andererseits schafft die Raumstadt einen kontinuierlichen, dreidimensionalen, vom Verkehr befreiten öffentlichen Raum, der verloren ging, als das Automobil Straßen und Plätze zu Rollbahnen und Parkflächen pervertierte. Ein mit dem Raumraster identisches dreidimensionales Koordinatensystem erleichtert Organisation und Orientierung in der Raumstadt, dennoch läßt die Vielfalt ihrer Materialisation Raum für Individualität und Anarchie. Dank der Ordnung des Raumes paßt sich die bauliche Substanz jeder topographischen Gegebenheit an, sie aufnehmend, verändernd, nivellierend oder erhöhend.
Die Raumstadt begleitet das Profil der Landschaft als eine kristallinische Schicht, sie ist selbst eine Landschaft, vergleichbar geologischen Formationen mit Gipfeln und Tälern, Schluchten und Hochebenen, vergleichbar der Blattzone des Waldes mit seinem Zweigwerk. Zur Regeneration der vorhandenen Städte spannen sich Strukturen über deren degenerierte Teile und provozieren ihren Abbruch.

Space City Manifesto, 1960 (excerpt)
Eckhard Schulze-Fielitz

Multi-story inhabited supporting structures are able to span great distances because of their great structural depth. At points of density, therefore, the city can leave the ground, turning it over to mechanized traffic. A solution to circulation problems in urban centers is thus attainable with the possibility of higher densities, the building-over of road- and water-ways, the freeing of entire planes for moving or parked vehicles, and through the strict separation of different types of traffic. the smallest possible number of obstacles is placed in the way of traffic and its unforeseeable development, thus avoiding, in advance, the majority of present-day problems. At the same time the Space city creates a continuous, three-dimensional open space free of traffic, space that was lost when avenues and squares were turned into raceways and parking lots by the automobile. The space grid, a system of similar three-dimensional coordinates, facilitates organization and orientation in the Space City; yet the variety possible in its materialization allows room for individuality and freedom of choice. With this type of spatial ordering building construction can fit any topographical condition which may be absorbed, changed, leveled or increased by the Space City.
The Space City accompanies the profile of the terrain as a crystalline layer; it is itself a landscape, comparable to geological formations, with peaks and valleys, plateaus and ravines, similar to the foliage layer of a forest, with all its leaves and branches. In the regeneration of existing cities these structures can span over the deteriorated parts, thus encouraging their removal.

 

 

About

Mischung, Konzentration und Flexibilität – diese drei Themen gehörten schon in den 50er Jahren untrennbar zur Diskussion über Dichte und Urbanität mit dazu, sagte uns Eckhard Schulze-Fielitz (*1929). Der sowohl praktizierende wie forschende Architekt entwarf Raumstrukturen, analysierte sie aus technischer wie sozialer Sicht, experimentierte mit geometrischen Formen und entwickelte realisierbare Megastrukturen. „Die Raumstadt ist das strukturelle, systematisierte, präfabrizierte, montierbare und demontierbare, wachsende oder schrumpfende, anpassungsfähige, klimatisierte, multifunktionale Raumlabyrinth“ schreibt er 1960 in seinem „Manifest Raumstadt“.
Wir diskutieren mit ihm über die oft fehlende Mischung, Konzentration, Flexibilität und Dichte in Städten und wieso man auch deswegen endlich seine Raumstadt realisieren sollte. Am besten noch diesen Sommer, hier irgendwo in München?


Mixed functions, concentration and flexibility are three aspects that have been an integral part of any debate on urban density since the 1950s, says Eckhard Schulze-Fielitz (*1929). The architect, whose activities span both practice and research, designed spatial structures, analyzed them from both technical and social perspectives, experimented with geometrical forms, and developed feasible, workable megastructures. „The Space City is a structured, systematic, prefabricated, assemblable / disassemblable, growing / shrinking, adaptable, controlled-climate, multi-functional space complex“, he wrote in 1960 in his „Manifest Raumstadt“ [Space City Manifesto].
We will discuss with him the reasons why mixed functions, concentration, flexibility and density are so often lacking in cities and why these and other reasons should serve as an impetus to finally realize his Space City concept. Perhaps even this summer, somewhere here in Munich?

 

Questions

Why was density such a specific area of focus when you wrote your Space City Manifesto?
Warum hat man sich damals so konkret mit Dichte beschäftigt?

Dichte hat mehrere Aspekte. Es ist eimal ein Aspekt der Wirtschaftlichkeit, man weiß ja dass Grundstücke teuer und teurer werden. Der wirtschaftliche Gesichtspunkt, also eine intensive Nutzung, spielt eine Rolle. Der Andere ist ein sozialer Aspekt. Für mein Gefühl ist die Dichte auch sozial wichtig für ein florierendes Stadtleben. Nicht im Sinne einer intensiven Hochhausbebauung, sondern im Sinne der Urbanität, des Kontaktes. Dichte ist eher der Basar, als das Hochhaus in Manhattan.
-

How relevant is the subject of density today?
Wie aktuell ist das Thema Dichte heute?

Immer noch
-

What is the measure of all density?
Was ist das Maß aller Dichte?

Nicht dass man die Dichte erreichen sollte über eine Intensivierung der Hochhausbebauung, ich hasse Hochhäuser, weil sie senkrechte Sackgassen sind und Urbanitätstöter, aber im Sinne einer mittelhohen verdichteten Bebauung. Das haben wir mal in Bregenz versucht. Das ist wirtschaftlicher, weil sie die Aufzüge ersparen, weil sie eine Kommunikation haben. Ein Vorbild für Dichte war für mich immer der Pariser Städtebau von Haussmann. Ein anderes Beispiel ist die Kasbah in Algier, die 3000 Einwohner pro Hektar hat. Zu der damaligen Zeit war bei uns z.B. für Reihenhaussiedlungen eine Dichte von 80 Einwohner pro Hektar.
-

You were part of the architectural avant-garde. Were megastructures an expression of the zeitgeist, or a necessity?
Sie zählten zur Avantgarde der Architektur. Waren Megastrukturen Zeitgeist oder Notwendigkeit?
Friedrich Kiesler / Raumstadt (1925)
Constant / New Babylon (1959)
Yona Friedman / Ville Spatiale (1959)
Kenzo Tange / Tokyo Bay ( 1 9 6 0 )
Archigram / Plug-in City ( 1 9 6 4 )
Domenig-Huth / Ragnitz (1969)

Irgendwie lag das in der Luft. Ich habe damals als Notwendigkeit empfunden mit der Industrialisierung/der Vorfertigung zu arbeiten. Als ich ein Jüngling war lag Deutschland in Trümmern und man meinte dass das eine technische Möglichkeit des Wiederaufbaus wäre.
Diese Dinge sind ja nur zu einem geringen Teil realisiert worden. Ob das nun Notwendigkeit war? Hinterher wurde es unter dem Begriff der Megastrukturen zusammengefasst, aber erst 1974. Ich habe meine Raumstadt schon 1960 publiziert und damals fühlte ich mich ziemlich allein damit. Ich habe zwar Yona Friedman gekannt, Kenzo Tange aus einer Publikation, aber sonst niemanden. Auch Archigram war 5 Jahre später.
-

What are the specific, concrete aspects of your vision?
Was ist das Konkrete an Ihrer Vision?

Ich war vorher schon praktizierender Architekt und hatte in Köln das Landeshaus gebaut, das 1959 fertig geworden war, während sowohl Friedman, als auch Constant nie irgend etwas realsiert haben, bzw fast nie.
-

What would the cost per square meter be for your utopia?
Was kostet so eine Utopie pro m2?

Das ist schwer zu verifizieren. Friedman hat sich dazu nie geäußert, Constant auch nicht. Ich kann das eigentlich nur an einer quasi Raumstadt festmachen, die ich auch eine gelandete Raumstadt bezeichnet. Das war sozialer Wohnungsbau, der nicht in der Luft schwebte, was nicht essentiell war für die Raumstadt. Im ersten Bauabschnitt hat das 3,90 DM/qm Miete gekostet, dann nach dem dritten Bauabschnitt hat die Baufirma die Miete herabgesetzt auf 2,70 DM/qm.
-

And how would property rights work?
Und wie lösen wir die Eigentumsrechte?

Ich habe damals den Begriff der Raumparzellen geprägt. Eine Raumparzelle kann man kaufen, mieten oder leasen. Darin kann jeder nach gutdünken oder mit einem Architekten hineinplanen was er will. Natürlich unter Berücksichtigung des tragenden Rasters.
-

Life in Space City: where are the public spaces?
Das Leben in der Raumstadt: Wo befinden sich die öffentliche Räume?

Der Verkehr, weil er erhebliche Lasten mit sich bringt würde auf dem Niveau-0 stattfinden. Dann gibt es darüber eine Kommunikationsebene für Fußgänger. Darüber Wohnungsbau und noch eine Ebene darüber würden sich beispielsweise Freiberufler befinden und darüber z.B. drei oder vier Geschoße Wohnungen. Die Dachebene wäre dann wiederum frei und sozial. Das wäre eine kontinuierliche zusammenhängende Fläche für Gemeinschafteinrichtungen, wie Kindergärten und Boulevards, die über die Aufzüge und Treppenhäuser erschlossen wären.
-

Was your vision too definite, leaving no room for dreams?
War Ihre Vision zu konkret um Träume zuzulassen?

Zu konkret gewesen zu sein, wäre eine Ehrung. Man musste auch Dinge, wie den Brandschutz und die Fluchtwege bedenken, was gegenüber den freien künstlerischen Projekte, wie z.B. dem von Constant ein Handicap war.
-

To what extent did your work as an architect influence the utopia of „Space City“?
Inwieweit nahm Ihre Tätigkeit als Architekt Einfluss auf die Utopie der „Raumstadt“?

Die Raumstadt hat sich mit der Zeit als das Ziel herausgestellt. Dann haben wir in Bregenz einen großen Wettbewerb gewonnen mit ca. 1000 Wohnungen und haben diese realisiert, mussten es aber immer an die Wünsche des Bauherren anpassen.
-

Were you too precise, too concrete? Could less precision in certain areas have left scope for more strength, more space for ideas to be projected?
Waren Sie zu präzise? Hätten Unschärfen mehr Kraft zugelassen, mehr Projektionsraum gegeben?