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Japan

Christine

Vendredi-Auzanneau

Mario

Carpo

Identicality

Panel #9

Monday, June 24, 2013

 

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Statement

„Die modernistische Kraft des Identischen neigte sich mit dem Erwachen der digitalen Technologien dem Ende zu. Alles digitale ist veränderbar und digitale Veränderlichkeit verläuft entgegen einer Einheitlichkeit, die von der Geschichte der westlichen kulturellen Technologien der letzten fünf Jahrhunderte eingefordert wurde. In der Architektur bedeutet das die Aufhebung der Grenzen in der Darstellung, der industriellen Standardisierung – und im weiten Sinne auch einer albertianischen und insofern autoritären Art und Weise des Bauens.“
Aus dem Vorwort von Mario Carpo, The Alphabet and the Algorithm, S.X

Industrielle Massenproduktion, die Wirtschaftlichkeit einer Serienproduktion sowie eine stetige Standardisierung führen auf natürliche Weise zu einer Produktion und Reproduktion identischer Kopien: so funktionieren mechanische Verfahrensweisen. Wo die heutigen digitalen Technologien massenweise Variationen hervorrufen und ermöglichen können, schuf die traditionelle, vorindustrielle  Handarbeit bei jeder Fertigung stets ein Original. Jeder manuell gefertigte Gegenstand ist an sich einmalig, ein einzigartiges Individuum mit eigener „Aura“. Wie verhält es sich nun jedoch mit Ausnahmesituationen in Bezug auf dieses Deutungsmuster, beispielsweise eine Art von Handarbeit, welche versucht identische Kopien zu erzeugen? Man denke an einen antiken griechischen Tempel: jedes Kapitell einer Säulenreihe ist zwar individuell von Hand angefertigt worden, Ziel war es jedoch, dass alle identisch auszusehen haben. Genau hier liegt das Paradox der Renaissance: Gebäude werden von Hand gefertigt, dennoch sind die klassischen Verzierungen bereits einem Standardisierungsprozess unterzogen. Dabei wurden die Handwerker dazu gezwungen wie Maschinen zu arbeiten (welche zu dieser Zeit noch nicht existierten…). Aus dieser Perspektive betrachtet, verkörpern identische Kopien eine kulturelle und ideologische Ambition, ungeachtet der Technologien aus der Zeit in der sie entstehen.

Du denkst es ist dasselbe, aber es ist einfach nur eine Wiederholung des immer Gleichen.
John Cage, Vexations Concert, NYC 1963

 

“The modern power of the identical came to anv end with the rise of digital technologies. All that isdigital is variable, and digital variability goes counter to all the postulates of identicality that have informed the history of Western cultural technologies for the last five centuries. In architecture this means the end of notational limitations, of industrial standardization, and, more generally, of the Albertian and authorial way of building by design.”
Mario Carpo, The Alphabet and the Algorithm, preface, p. X

Industrial mass production, economies of scale and standardization naturally produce and reproduce identical copies: this is the way mechanical technologies work. Unlike today‘s digital technologies, which mass-produce variations, traditional (pre-industrial) hand-making naturally produced different originals every time; each hand-made item was a one-off, a unique individual endowed with its own unique „aura“. But what about the exception to this interpretive pattern – that is, hand-making that strives to generate identical copies? Think of a Greek temple; all capitals in the same row of columns are individually hand-made, yet they all strive to look (virtually) the same. This is the paradox of Renaissance classicism: while buildings were hand-made, classical ornamentation was already standardized and craftsmen were obliged to work like machines… which did not yet exist. In this case identical copies were an ideological and cultural ambition, virtually unrelated to the technologies then in use.

You think it‘s the same but this is just the repetition of the same.
John Cage, Vexations Concert, NYC, 1963

 

About

Christine Vendredi-Auzannaeu

Christine Vendredi-Auzanneau ist Direktorin des Espace Louis Vuitton in Tokyo. Sie arbeitet als Kuratorin, Wissenschaftlerin und Dozentin für Kunst- und Architekturgeschichte an verschiedene Institutionen, wie der EPFL (Lausanne) und der KEIO Universität (Tokyo). Ihre Forschung befasst sich unter anderem mit der Frage nach einer möglichen Anwendbarkeit und Verbreitung der Architektur der Moderne – vor allem in Bezug auf die Besonderheiten der Japanischen Bautradition. Sie ist Autorin verschiedener Werke wie beispielsweise der ersten Monographie zu Antonin Raymond (Antonin Raymond, un architecte occidental au Japon), sowie verschiedene wissenschaftliche Publikationen zur Architekturgeschichte Japans.

Christine Vendredi-Auzanneau is Director of Espace Louis Vuitton in Tokyo and a curator, scholar and lecturer in history of art and history of architecture at a number of institutions including EPFL (Lausanne) and KEIO (Tokyo). Her research addresses topics including the potential applicability and spread of modern architecture – primarily in reference to the special features of Japan‘s architectural tradition. Her publications include the first monograph to appear on Antonin Raymond (Antonin Raymond, un architecte occidental au Japon), as well as numerous academic publications on Japanese art and architectural history.

Mario Carpo

Mario Carpo unterrichtet Architekturgeschichte und -theorie an der Yale University und der École d‘Architecture de Paris-La Villette. Carpos Forschung und Publikationen konzentrieren sich auf die Beziehung zwischen Architekturtheorie, Kulturgeschichte und der Geschichte der Medien- und Informationstechnologie. Sein Buch Architecture in the Age of printing (MIT Press, 2001) wurde in viele Sprachen übersetzt. Aktuelle Publikationen sind Alphabet und Algorithmus (transcript Verlag, 2012) und der AD Reader The Digital Turn in Architecture, 1992-2012 (AD-Wiley, 2012).

Mario Carpo teaches architectural history and theory at the School of Architecture of Yale University, and at the École d‘Architecture de Paris-La Villette. Carpo‘s research and publications focus on the relationship among architectural theory, cultural history, and the history of media and information technology. His Architecture in the Age of Printing (MIT Press, 2001) has been translated into several languages. His most recent books are The Alphabet and the Algorithm, a history of digital design theory (MIT Press, 2011; recently translated into German), and The Digital Turn in Architecture, 1992-2012, an AD Reader (AD-Wiley, 2012).

 

Questions

Is an original more important than a copy?
Ist ein Original mehr wert als eine Kopie?

What is the cultural import of the notion of „identical copy” from a cross-cultural perspective (east-west)?
Wie ändert sich die kulturelle Bedeutung der Auffassung einer „identischen Kopie“ im interkulturellen Vergleich (zwischen Ost und West)?

Is it true that „identicality“ in Japanese craft has often had positive, rather than negative connotations?
Stimmt es, dass „identicality“ in Bezug auf das japanische Handwerk eine eher positive als negative Konnotation angehaftet ist?

How is the concept of tradition in Japan different to  that in Europe?
Inwiefern unterscheidet sich die Auffassung von Tradition in Japan von jener in Europa?

How did the transition from tradition to modernism take place in Japan?
Wie hat sich der Wechsel von Tradition hin zur Moderne in Japan manifestiert?

What is the significance applied to reproduction and rebuilding “old” work?
Welche Bedeutung steckt in der Reproduktion und im Wiederaufbau eines „alten“ Objekts?

Paradigm shift within the digital revolution – what does this mean for architecture?
Im Zuge der digitalen Revolution ist es zu einem Paradigmenwechsel gekommen – welche Bedeutung hat dies für die Architektur?

Is there a desire to break out from the industrial standard system in Japan? Does more variety exist?
Gibt es einen Wunsch aus dem industriellen Standardsystem in Japan auszubrechen? Ist eine größere Vielfalt vorhanden?

Is it wishful thinking to hope that tradition may be overcome in favor of more individuality?
Ist es Wunschdenken darauf zu hoffen, dass eines Tages Tradition von Individualität abgelöst werden wird?

If everything can be reproduced, does authorship vanish?
Bedeutet es, dass die Autorschaft verschwinden wird, wenn alles reproduziert werden kann?

 

Photos

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